Werkstattgespräch „Digitale Gesellschaft“ der grünen Landtagsfraktion – Bad Düben – 1.10.2018

Die Welt wird smart. Ob in der Arbeitswelt, in Bildung, Kultur und Gemeinwesen, bei der medizinischen Versorgung, beim Einkaufen, im Verkehr oder bei der Energieversorgung – der digitale Wandel ist in aller Munde. Doch was bedeutet das für unser alltägliches Leben? Welche Veränderungen entstehen durch Vernetzung und Automatisierung, durch die Erfassung von Daten und die algorithmische Berechnung von allem und jedem? Welche Verbesserungen und welche Risiken birgt Digitalisierung? In welcher digitalen Gesellschaft wollen wir leben? Und was kann Politik tun, damit die Bürgerinnen und Bürger den Wandel mitgestalten können? Über diese Fragen sprach Dr. Claudia Maicher (MdL), netzpolitische Sprecherin des Landtagsfraktion, mit den Gesprächspartner*innen im Hotel National in Bad Düben.

Digitale Unterstützung für das Engagement für Nachhaltigkeit – Vorstellung des Projektes „Regiocrowd“

Im ersten Teil der Veranstaltung stand die Unterstützung ehrenamtlicher Arbeit für eine nachhaltige Entwicklung im Mittelpunkt. Axel Mitzka, Vorsitzender des Vereins Dübener Heide e. V., stellte das Projekt Regiocrowd vor und wurde ergänzt von Michael Berninger von LeipzigGrün – Netzwerk für Stadtnatur.
Die Online-Plattform Regiocrowd macht verschiedene Angebote für bürgerschaftliches Engagement in Naturschutz und Umweltbildung zugänglich. Hier werden Aktivitäten für Ehrenamtliche koordiniert, Initiativen bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt und Interessierte und engagierte Menschen vernetzt. Durch den Einsatz digitaler Instrumente reichen Aufrufe zum Mitmachen inzwischen nicht nur in die eigene Gemeinde, sondern breiter in die Region. Die Engagierten können leichter Gleichgesinnte finden und über eine einzelne Aktivität hinaus in Kontakt bleiben. Über eine Beratung zum Crowdfunding wird auch die selbstorganisierte Finanzierung von Initiativen unterstützt.
Die Erfahrungen mit Regiocrowd zeigen, dass die digitale Technik dazu helfen kann, schon länger bestehende Ziele besser umzusetzen: spontane Aktivitäten in ein dauerhaftes Engagement zu überführen. Die Plattform ist überwiegend ein digitales Hilfsmittel für „analoge“ Angebote, also Aktivitäten vor Ort. Aber auch neue Formen des Engagements und der Beteiligung der Zukunft werden mit Hilfe digitaler Technik entwickelt. So übernehmen beispielsweise Ehrenamtliche die Revierkartierung mit Tablets, wobei die Daten anschließend online zur Verfügung stehen. Diese Aktivitäten werden in Zusammenarbeit mit einem Planungsbüro als lokales Unternehmen umgesetzt. Regiocrowd soll aufgrund der guten Erfahrungen nun auch auf andere sächsischen Regionen übertragen werden. Koordiniert werden die Leistungen jeweils innerhalb der Region.

Diskussion – Die Menschen müssen beim digitalen Wandel mitgenommen werden

Anschließend wurden in offener Runde Themen gesammelt. Große Bedeutung hatte für die Teilnehmer*innen die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass das Tempo der Veränderungen, die sich direkt auf die Lebenswelt auswirken, weiter zunimmt. Die Frage, ob die Menschen beim Umgang mit digitaler Technik frei entscheiden, d.h. auch an bestimmten Stellen auch verzichten können, oder ob der digitale Wandel im eigenen Alltag unumgänglich ist, wurde kontrovers diskutiert. Übereinstimmend wurde der Anspruch formuliert, dass der oder die Einzelne in der Lage sein muss, verantwortlich/mündig zu handeln, dass Befürchtungen aufgegriffen und die Menschen beim Wandel mitgenommen werden müssen. Die Entwicklung muss sich an den Menschen orientieren.

Kritisch sahen die Teilnehmer*innen, wie gegenwärtig das „Großprojekt“ Digitalisierung öffentlich und in der Politik diskutiert wird. Ängste seien auch auf fehlende Transparenz zurückzuführen. Es sei nicht immer klar, um was es geht und wer davon betroffen ist. Demgegenüber wurde gefordert, dass jeweils ganz konkret benannt werden muss, was mit Digitalisierung gemeint ist und auch die jeweiligen Vorteile und Chancen klar dargestellt werden sollten. Aufgabe für Gesellschaft und Politik ist es, Teilhabe zu ermöglichen, Chancen zu eröffnen und zur Urteilsfähigkeit zu befähigen.

Was können wir tun? – Handlungsmöglichkeiten für Politik und Gesellschaft

Handlungsmöglichkeiten in diesem Sinne wurden in der Runde auf mehreren Ebenen gesehen:

ÜBERSETZEN – Die Veränderungen müssen aktiv erläutert, Chancen, Risiken und eigene Umgangsweisen vermittelt werden, damit „alle wissen, was sie tun“.

BEGLEITEN – Insbesondere Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich digitale Werkzeuge und Anwendungen aus eigener Kraft anzueignen, sollten beraten und angeregt werden, diese zu verwenden. Dies gelingt nur, wenn ihnen ein praktischer Nutzen im Sinne ihrer Interessen und ein Zuwachs an Selbstwirksamkeit aufgezeigt wird. Diese Leistungen sind nur erfolgreich, wenn sie zielgruppengenau entwickelt werden.

FORSCHEN – Damit die Entwicklung an Menschen orientiert, muss herausgefunden werden, wer welche Lösungen braucht und welche Lösungen es schon gibt. Zudem sind Ideen zu erfassen, wie die Lösungen und ihre Anwendung verbreitet und vermittelt werden können.

Janet Liebig vom „Netzwerk bürgerschaftliches Engagement“ bei der Diakonie Delitzsch/Eilenburg, erläuterte zu diesen allgemeinen Aufgaben ein Beispiel: Seniorinnen und Senioren beklagen derzeit eine starke Verkürzung der Öffnungszeiten einer Sparkasse, die dadurch für sie zum Teil unerreichbar wird. Gegenüber dem Onlinebanking haben viele jedoch Vorbehalte oder trauen sich die Nutzung nicht zu. Eine Unterstützung hierbei funktioniert nach praktischen Erfahrungen dann sehr gut, wenn sie als individuelle Beratung und Begleitung ausgestaltet wird und die Beratenden zu den älteren Menschen hingehen, z.B. in Senioren- oder Pflegeheime, und mit ihnen die Nutzungsmöglichkeiten Stück für Stück durchgehen und gemeinsam ausprobieren. Die Beratenden müssten zielgruppenspezifisch qualifiziert sein, damit es ihnen gelingt, auch eine emotionale Ebene zu schaffen. Es müssten „Menschen, die Lust verteilen“, sein. Ein „Zwang“ sei nicht notwendig, denn die meisten Menschen wöllten lernen.

Als weiteres Beispiel für konkrete Maßnahmen wurde im Zusammenhang mit der Entwicklung in Stadt und Land die Unterstützung von Vereinen diskutiert. Insbesondere im ländlichen Raum wurde den Trägern von Gemeinwesen und Engagement ein wichtiger Beitrag für die Attraktivität und Qualität des Lebens und des gesellschaftlichen Zusammenhalts zugesprochen.
In Interviews wurden verschiedene Vereine in Nordsachsen befragt, welche Unterstützung sie bei der Digitalisierung benötigen. Häufige Antworten waren: Geld für Technik, Know How für die Anwendung bei der Vereinsdarstellung, der Kommunikation und der Datensicherheit sowie Entlastung beim Datenschutz. Grundsätzlich sind auch hier aufsuchende Bildungs- und Beratungsangebote notwendig, denn Bildungsreihen gibt es eher in den Zentren. Individuelle Bildungsbedarfe könnten aber nicht allein durch Onlineangebote /Webinare abgedeckt werden.

Die Unterstützung von Weiterbildungs- und Beratungsangeboten, insbesondere von neuen Wegen der zielgruppenspezifischen Begleitung wurde als wichtiger Ansatz für politische Maßnahmen benannt. Hier kommt eine strukturelle Stärkung und Erneuerung infrage, wenn die bisherigen Strukturen den hohen Bedarf im Zuge der Digitalisierung nicht decken können.

Digitalisierung als gesamtgesellschaftliche Bildungsaufgabe

Immer wieder wurde an diesem Abend mit der Digitalisierung eine zentrale Bildungsaufgabe verbunden. Dabei wurden folgende Aspekte besprochen:

1. Die Qualifizierung zu verschiedenen Themen für Beruf und Engagement. So wird beispielsweise die Bedeutung von Sozialen Medien bei der Kommunikation in der Regel anerkannt, die Anwendung jedoch häufig noch wenig entwickelt. Eine weitere Herausforderung wurde beim Datenschutz bei der Kundenakquise und der dabei fehlenden Rechtssicherheit ausgemacht.

2. Die starren Vorgaben bei der Berufsbildung wurden kritisch diskutiert. Berufsbilder müssten viel schneller und flexibler angepasst werden, was mit den aktuellen Regelungen und Entscheidungsstrukturen nicht möglich sei.

3. In der Allgemeinbildung wird der ethischen Auseinandersetzung mit den Aspekten der Digitalisierung ein hohe Bedeutung zugemessen, sowohl im Ethikunterricht als auch als Querschnittsaufgabe.

4. Die Erwachsenenbildung und die berufsbegleitende Weiterbildung stehen vor enormen Herausforderungen, die u.a. in strukturellen Erneuerungen und aufsuchenden Angeboten (siehe oben) bestehen.

Weitere Themen, die beim Werkstattgespräch in Bad Düben mit angesprochen wurden:

Der Wandel des Arbeitsmarktes erfordert mehr digitale Bildung für neue Berufe. Die Unternehmen stehen vor den Aufgaben, die Effizienz ihre Geschäftsabläufe zu erhöhen und neue Möglichkeiten unternehmerischen Handelns wahrzunehmen. Damit dies mehr Unternehmen gelingt, ist eine „Innovationsatmosphäre“ zu schaffen, die vor allem durch gute Kommunikation erreicht werden kann. Es sollte ein „Baukasten“ verfügbar gemacht werden, aus dem sich jede und jeder bewusst das nehmen kann, was das eigene Unternehmen braucht, anstatt sich im digitalen Wandel treiben zu lassen.

In der Jugendarbeit sind die Grundaufgaben zum einen, Jugendliche überhaupt zu erreichen, zum anderen, sie auch für Aktivitäten zu gewinnen. Die Digitalisierung, insbesondere die Allgegenwart von Smartphones, macht dies nicht leichter. Projekte zur Medienbildung, die eine sinnvolle Nutzung und einen stellenweisen Verzicht thematisieren können, scheitern jedoch häufig am fehlenden Geld und nicht verfügbarer Technik.

Die Veränderungen bei der Meinungsbildung und der Meinungsvielfalt durch soziale Medien machen einen Regulierung erforderlich. Dazu gibt es bislang noch wenig Diskussionen.

Nicht zuletzt wurde die flächendeckende Breitbandverfügbarkeit als elementare Voraussetzung für die Digitalisierung angemahnt. Insbesondere im Ländlichen Raum gäbe es hier weiterhin Handlungsbedarf. Für viele Unternehmen sei das Vorhandensein von symetrischen Breitbandverbindungen (das heißt sowohl im Down- als auch im Upload) ein „Muss“, ebenso für digitale Angebote in den Bildungseinrichtungen.

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