Sitzenbleiben ist das Gegenteil von individueller Förderung

Unsere Kinder lernen, wenn die Voraussetzungen stimmen, ganz von selbst. Sie sind neugierig, wollen die Welt verstehen und entdecken. Unter Druck und Strafandrohung lernen Kinder nicht besser, sondern schlechter, deshalb führen Zwangsmaßnahmen wie das Sitzenbleiben nur in Ausnahmefällen zum Erfolg. Es rechnet ab und schiebt ab, ohne die Probleme zu lösen. Jedes Fach und jede Stunde doppelt zu erleben raubt Lebenszeit und Lernfreude. Das ist keine zweite Chance, sondern verordnete Langeweile. Studien belegen: Sitzenbleiben steigert die Leistung insgesamt nicht, denn Lernerfolge im wiederholten Jahr gehen mit Leistungssenkungen im Jahr darauf einher.

Sitzenbleiben wird so die erste Sprosse auf der Leiter des Schulversagens. Gerade wir in Sachsen produzieren im Bundesdurchschnitt überdurchschnittlich viele Verlierer in der Schule. Diesen Jugendlichen fällt es besonders schwer, sich in die Gesellschaft zu integrieren, eine Ausbildung zu bekommen und sie abzuschließen. Wir zahlen für das Sitzenbleiben auch wirtschaftlich einen hohen Preis.

Für Schüler ist es ein Makel sitzenzubleiben. Häufig werden Sitzenbleiber stigmatisiert, ihr Rauswurf aus dem Klassenverband demotiviert sie. Dabei ist Selbstvertrauen die Grundlage für eigene Leistungen.

Auch für engagierte Lehrerinnen und Lehrer kann es eine persönliche Niederlage sein, wenn ein Teil der ihnen anvertrauten Kinder das Klassenziel nicht erreicht. Unsere Pädagogen benötigen in den Fällen Unterstützung, in denen Schüler die erwarteten Leistungen nicht mehr erfüllen können – sei es wegen familiärer Probleme, dem Stress in der Pubertät oder aus anderen Gründen. Individuelle Förderung und ein höheres Maß an pädagogischer Aufmerksamkeit und Zuwendung ist bei der derzeitigen Belastung der Lehrer nicht zu leisten. Immer mehr fallen wegen der hohen Strapazen durch Krankheit aus. In Sachsen wird nur gefordert aber schlecht honoriert und kaum gefördert. Das schafft kein Umfeld für eine moderne Pädagogik, die beste Leistungen will.

Wer aber denkt, allein durch die Abschaffung des Sitzenbleibens würden diese und andere Probleme gelöst, irrt. Bessere Lernbedingungen für jeden Schüler sind die Grundvoraussetzung. Das heißt nicht gleicher Takt für alle, sondern frühzeitige individuelle Förderung bei Stärken und Schwächen. Das ist keine leistungsfeindliche Kuschelpädagogik, sondern das Gegenteil. Viele erfolgreiche Bildungssysteme z.B. in Skandinavien machen uns das vor. Dort werden die Erkenntnisse aus der modernen Lernpsychologie konsequent umgesetzt. Dort gibt es das Phänomen Sitzenbleiben überhaupt nicht.

Eine Schule ohne Sitzenbleiben muss ein Ort sein, den Schüler und Lehrer jeden Tag gern aufsuchen; ein Ort, an dem die natürliche Neugier gelenkt und Talente individuell gefördert werden, ein Ort, an dem Lernen Freude bereitet. Eine Schule ohne Sitzenbleiben wird nicht ohne Investitionen in Personal und Ausbildung zu haben sein. Doch dieses Geld ist gut angelegt, denn es vermeidet die hohen Neben- und Folgekosten, die unsere Art von Schule derzeit verursacht.

Die Sächsische Staatsregierung lässt nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer sitzen – bei weniger Gehalt und geringen Aufstiegschancen. Viel Leistung für wenig Geld, das kann auf Dauer nicht klappen. Lehrermangel, übervolle Klassen, mangelndes Fremdsprachenangebot, zunehmende Abordnungen und gestresste Kollegien sind keine guten Bedingungen für eine moderne Schule. Diese Zustände werden zur Gefahr für ein ordentliches Bildungsniveau in Sachsen. Wenn wir über das Sitzenbleiben reden, müssen wir über die Bedingungen des Lernens und Lehrens insgesamt sprechen. Wir in Sachsen brauchen diese Diskussion unter Beteiligung der Schüler, der Lehrer, der Eltern, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Dringend.

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Dieser Beitrag von mir erschien unter der Frage: „Bleiben wir beim Sitzenbleiben?“ zuerst in der Sächsischen Zeitung am 23.2.2013

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